IM KINO GEWESEN. GEWEINT.

Von Jahr zu Jahr. Von Lockdown zu Lockdown. Die Pandemie hat uns die letzten Jahre das geraubt, was für uns selbstverständlich war. Neben den sozialen Kontakten, fielen auch fast alle Freizeitmöglichkeiten weg. So auch der Kinobesuch mit Freunden oder auch mal ganz allein. Während Kafka 1913 noch in sein Tagebuch folgendes schrieb: «Im Kino gewesen. Geweint.», heißt es nun hundert Jahre später: «Nicht im Kino gewesen. Geweint.». Aber diesmal war es nicht Kafka der geweint hat, weil er aus dem Kino kam, sondern ich. Ich habe geweint, weil ich nicht ins Kino durfte. Statt Film auf großer Leinwand, hieß es nun Video-on-Demand auf dem kleinen LED-Bildschirm. Statt Popcorn salzig-süß, die Dosenchips des Fahrradlieferdienst. Film gucken im Kino heißt eben nicht nur Film gucken, es ist vielmehr ein Erlebnis. Eins von vielen Erlebnissen, welches uns vom einem auf den anderen Tag genommen wurde. Und nun stand ich hier, hier an der Kasse meines Lieblingskino. Der süß-salzige Geruch von Popcorn erfüllte den Raum. Der Moment schien surreal. Ich stand gerade nach über zwei Jahren im Kino. Mir kamen fast die Tränen, sozusagen: «Noch nicht einmal im Kino gewesen. Schon geweint.» 

 

Vollgepackt mit klebriger Sirup-Wasser-Brausemischung in der rechten Hand und dem Kinoticket zwischen Zeigefinger und Daumen eingeklemmt, stolzierte ich zu Saal 1. Das war heute mein Tag, ich fühlte es. Mit breitem Grinsen versuchte ich der Kinokartenabreißerin mein Ticket zu geben, mit dem Versuch mein salziges Popcorn nicht auf den dunkelroten Teppichboden zu verschütten. Kläglicher Versuch, die Hälfte landete auf dem Boden und die andere Hälfte auf der Kinokartenabreißerin. Ich guckte sie an, sie guckte genervt zurück. Ich guckte auf meine Kinokarte und wenigstens war sie abgerissen. Mit gesenkten Blink sagte ich ein leises und heißeres: „Sorry, ist wohl die Nervosität.“ Schnell an ihr vorbei und auf zu Platz 12 Reihe 6. Mitte Mitte. Heute Bestplatzgarantie. Langsam ließ ich mich in den roten Samtsessel sinken. Noch einen süßen pappigen Schluck von der Brause und die letzten drei verbliebenen Körner aus meiner Tüte. Heute mal keine: „Noch ein Eis?“ oder „Bald in ihrem Kino“-Werbung. Der Vorhang ging auf und die Leinwand füllte sich mit Licht und Farbe. Endlich wieder: «Im Kino sein. Weinen.» 

 

Die Buchstaben sprangen vor hin und her. Eigentlich sollten dort Namen stehen, doch meine Konzentration war gleich null und für mich war das Ganze nur ein Buchstabensalat. Aber der Film war zu Ende. Ich konnte es immer noch nicht wirklich realisieren. Hatte ich gerade geweint oder warum brennten meine Augen so höllisch? Ein Brennen, als hätte ich mir mit meinen Händen die Augen gerieben, kurz nachdem ich eine Chilischote kleingeschnitten habe. Der Film hatte mich so in seinen Bann gezogen, dass ich erst jetzt meinen emotionalen Ausbruch realisieren konnte. Ich musste erstmal noch sitzen bleiben, alles erstmal sacken lassen. Klarkommen. 

 

Die ersten Leute standen bereits auf und verließen den Kinosaal. Ich hatte das Gefühl, dass jeder der an mir vorbeiging, mich angaffte. Oder war es nicht nur ein Gefühl, sondern die Wirklichkeit. Hing mir etwa doch die Rotzglocke aus der Nase durch Heulerei? Kurzer Blick ins Smartphone. Ne, alles schnieke, nur rote Augen wie bei einer nervigen Allergie oder als hätte ich ein Gramm Versagerkraut durch die Bong gezogen. Irgendwie schon ein Grund mich anzuglotzen. Während ich immer noch über meine roten Augen nachdachte und Vergleiche zog, war der Kinosaal bereits leer und das Licht an. „Jetzt aber schnell raus hier.“, dachte ich mir. Der Weg bis zur Saaltür glich einer Müllhalde. Ich kämpfte mich durch Tüten und Becher in allen Variationen. Bei jedem Schritt das Knacken von verschüttetem Popcorn auf Teppichboden. Mir tat jetzt schon die Person leid, die das saubermachen muss. Arme Sau. 

 

Vor dem Filmpalast zündete ich mir erst einmal eine Zigarette an. Die Augen brannten immer noch und im Inneren spürte ich eine gewisse Schwere. Warum nahm mich der Film nur so mit? Waren es die Figuren? Die Story? Das Gefühl, Teil des Films zu sein? Immer mehr Fragen sammelten sich in meinem Kopf, ich nahm einen letzten Zug an der Zigarette, schnipste sie weg und ging in die dunkle Berliner Nacht. In dieser Nacht würde ich wohl keine Antworten mehr auf meine Fragen bekommen Ich ging erst einmal schlafen, das erlebte verdauen. Ich musste wohl die fragen, die täglich damit zu tun haben: Schauspielerinnen und Schauspieler.

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